Der Ölpreis hat infolge des eskalierenden Irankonflikts die kritische 100-Dollar-Marke überschritten und damit globale Börsen in den Sturzflug geschickt. Die Nordseesorte Brent verteuerte sich um 17 Prozent auf 108,77 Dollar pro Barrel, den stärksten Tagesanstieg seit 2020. Seit Beginn des Krieges vor etwas mehr als einer Woche beträgt das Plus rund 50 Prozent, von etwa 70 Dollar Ende Februar. Diese Entwicklung schürte massive Sorgen vor Inflation und einer weltweiten Konjunkturabkühlung. Der japanische Leitindex Nikkei brach um 7,5 Prozent ein, Südkorea verzeichnete einen Rückgang von 8,1 Prozent, und selbst die Futures für die US-Börsen deuteten auf erhebliche Verluste hin, wobei Anleger aus Risikoanlagen flüchteten. Die Spritpreise an den Tankstellen sind ebenfalls drastisch gestiegen, was Verbraucher und Unternehmen gleichermaßen belastet.
Hauptursache für den massiven Preisanstieg sind Befürchtungen vor Lieferengpässen und längeren Unterbrechungen der Transporte durch die strategisch wichtige Straße von Hormus im Persischen Golf. Angesichts der anhaltenden Kämpfe und Drohungen aus Iran meiden Tanker weiterhin diese für den weltweiten Öltransport entscheidende Meerenge. Obwohl der weltgrößte Ölexporteur Saudi-Arabien seine Lieferungen über das Rote Meer erhöht hat, reichen diese Mengen bei Weitem nicht aus, um die durch die Ausfälle verursachte Lücke zu schließen. Die politische Lage verschärfte sich zusätzlich durch die Ernennung von Mojtaba Khamenei zum Nachfolger seines Vaters als Oberster Führer, was ein Festhalten am harten Kurs in Teheran signalisiert und die Spannungen weiter anheizt.
Experten stellen sich auf eine längere Phase hoher Energiekosten ein, da kein Ende der Kämpfe im Nahen Osten absehbar ist und die Passage durch die Straße von Hormus weiterhin gefährlich bleibt. Bruce Kasman, Chefvolkswirt von JPMorgan, prognostiziert kurzfristig einen Anstieg auf bis zu 120 Dollar pro Barrel. Sollte der Konflikt andauern und der Ölpreis nachhaltig über 120 Dollar steigen, könnte dies eine globale Rezession auslösen. Ein solches Szenario könnte das weltweite Wirtschaftswachstum im ersten Halbjahr um 0,6 Prozentpunkte drücken und die Verbraucherpreise um einen Prozentpunkt anheben. Die unsichere Versorgungslage und die zunehmende Volatilität an den Energiemärkten wirken sich direkt auf die globalen Lieferketten und Produktionskosten aus, was die Inflationsspirale weiter anfachen könnte.
Trotz der gravierenden wirtschaftlichen Auswirkungen versucht US-Präsident Donald Trump, die Lage zu beschwichtigen. Er bezeichnete die steigenden Ölpreise als „kleines notwendiges Opfer“ angesichts der Bedrohung durch das iranische Atomprogramm und versprach ein schnelles Sinken der Preise nach Beendigung der Zerstörung des Programms. Politisch könnten die ständig steigenden Spritpreise jedoch zum Problem für Trump werden. Die Unterstützung in der US-Bevölkerung für den Irankrieg ist bereits verhalten, insbesondere da Trump im Wahlkampf versprochen hatte, sein Land aus solchen Konflikten herauszuhalten. Angesichts der bevorstehenden Midtermwahlen im November befürchtet die republikanische Partei einen Denkzettel der Wählerschaft, wenn der Besuch an der Tankstelle für viele Amerikaner unbezahlbar wird, was die politische Stimmung erheblich beeinflussen könnte.

