Forschende haben eine einzigartige Methode der Partnerschaftsbildung bei Insekten entdeckt: Die Taiwanische Holzschabe (Salganea taiwanensis) demonstriert ihr ernsthaftes Interesse an einer exklusiven Beziehung, indem sich Paare gegenseitig die Flügel abfressen. Dieses ritualisierte Verhalten, beobachtet von einem Forschungsteam um Haruka Osaki von der North Carolina State University, bietet einen faszinierenden Einblick in das Sozialverhalten von Wirbellosen. Die in Petrischalen gemachten Beobachtungen, veröffentlicht in “Royal Society Open Science”, beleuchten die Vielfalt der Bindungsstrategien im Tierreich. Das Flügelfressen ist demnach kein Akt der Aggression, sondern markiert den Beginn einer dauerhaften, monogamen Beziehung.
Nach dem gegenseitigen Verzehr der Flügel zeigten die Schabenpaare eine bemerkenswerte Verhaltensänderung. Sie wehrten Artgenossen beider Geschlechter konsequent und aggressiv ab, während sie ihrem eigenen Partner treu blieben. Diese Beobachtungen legen nahe, dass nach dem Flügelverlust keine anderen potenziellen Partner mehr infrage kommen. Ohne Flugfähigkeit werden die Paare zwangsläufig sesshafter, bauen gemeinsam ein Nest in morschem Holz, widmen sich der Aufzucht ihres Nachwuchses und kümmern sich über Jahre hinweg gemeinsam um diesen. Dieses Modell der gemeinsamen Fürsorge und des Zusammenlebens ist bei Insekten eher ungewöhnlich und unterstreicht die tiefe Bindung, die durch dieses einzigartige Ritual geschaffen wird.
Obwohl sich Schabenpaare bereits vor dem Flügelritual paarten, etabliert erst das gegenseitige Flügelfressen die exklusive Partnerschaft vollständig. Die aggressiven Verhaltensweisen gegenüber Eindringlingen zeigten sich erst danach deutlich. Dies deutet auf eine entscheidende Rolle des Rituals hin. Forschende vermuten, dass chemische Stoffe, die durch die Zerstörung der Flügel freigesetzt werden, Signale an den Partner senden könnten. Auch im Gehirn ausgelöste Prozesse durch Paarung und Flügelverlust könnten dazu beitragen, dass Schaben ihren Partner tolerieren, aber anderen Artgenossen aggressiv begegnen.
Die Ergebnisse der Studie überraschten die Forschenden, insbesondere die gemeinsame Verteidigung des Territoriums. “Was uns am meisten überraschte, war, dass das Paar Eindringlinge gemeinsam als Zweierteam angriff”, so Studienautor Osaki. Die Tiere attackierten dabei Eindringlinge beider Geschlechter, was stark darauf hindeutet, dass sie die Exklusivität ihrer Partnerschaft über potenzielle neue Partner stellen. Bislang wurde exklusive Partnerschaft vor allem mit Wirbeltieren und seltener mit Insekten in Verbindung gebracht. Diese Entdeckung bei den Taiwanischen Holzschaben erweitert unser Verständnis von Monogamie im Tierreich und zeigt, dass auch Insekten ausgeklügelte Strategien für dauerhafte Beziehungen entwickeln können.

