Als der moderne Mensch, Homo sapiens, vor rund 50.000 Jahren aus Afrika aufbrach, traf er in Europa, Asien und dem Nahen Osten auf Neandertaler. Die Vermischung beider Spezies ist durch die Neandertaler-DNA im Erbgut der meisten heutigen Menschen lange bekannt. Doch wie genau diese genetische Verschmelzung stattfand, blieb bisher rätselhaft. Eine aktuelle genetische Analyse liefert nun überraschende Einblicke in die Muster dieser prähistorischen Begegnungen und deutet auf eine spezifische Konstellation hin, die häufiger vorkam als angenommen.
Forschende der University of Pennsylvania haben in einer im Fachblatt „Science“ veröffentlichten Studie das X-Chromosom genauer untersucht. Es ist bereits bekannt, dass die meisten Menschen geringe Mengen Neandertaler-DNA in ihrem Genom tragen, jedoch nur sehr wenig bis gar keine in den X-Chromosomen. Bisher wurde dies oft mit der Vermutung erklärt, dass diese Gene möglicherweise unvorteilhaft oder schädlich waren und daher evolutionär ausgesiebt wurden. Die neue Studie widerspricht dieser Annahme und bietet stattdessen eine faszinierende alternative Erklärung, die sich auf das Geschlecht der Eltern bezieht.
Beim Vergleich der DNA von drei Neandertaler-Fossilien mit heutigen afrikanischen Menschen ohne Neandertaler-Vorfahren entdeckten die Wissenschaftler mehr menschliche Spuren auf den X-Chromosomen der Neandertaler. Dieses unerwartete Ergebnis führte zu der Schlussfolgerung, dass die Paarungen zwischen Homo sapiens und Neandertalern besonders oft zwischen Neandertaler-Männern und Frauen des modernen Menschen stattfanden. Die Art der X-Chromosomen-Vererbung – Frauen geben ein X an alle Kinder weiter, Männer nur an Töchter – würde genau dieses Muster über Jahrtausende hinweg erklären, da durchschnittlich zwei von drei X-Chromosomen mütterlicherseits vererbt werden.
Die Studie gibt keinen Aufschluss darüber, ob diese Paarungen friedlich, gewalttätig oder unter anderen Umständen zustande kamen. Das genaue Interaktionsszenario bleibt eine offene Frage für zukünftige archäologische und fossile Funde. Was die Forschung jedoch klar aufzeigt, ist die Intensität dieser Vermischung. Angesichts der zahlenmäßigen Überlegenheit des Homo sapiens in Eurasien – möglicherweise zehn- bis zwanzigmal so viele Sapiens wie Neandertaler – deutet die anfängliche Präsenz von bis zu fünf Prozent Neandertaler-Vorfahren darauf hin, dass die Neandertaler nicht einfach verschwanden, sondern durch zahlreiche Kreuzungen zu einem integralen Bestandteil der menschlichen Spezies wurden, ihre Gene in unserem modernen Erbgut weiterleben.

