Finnlands Präsident Alexander Stubb hält einen russischen Angriff auf ein NATO-Land für sehr unwahrscheinlich. Russland habe nach seiner Einschätzung keinen Grund, die Stärke des Militärbündnisses zu testen.
Stubb sagte in einem Interview mit einer deutschen Zeitung, er sehe keine Fakten, die einen solchen Angriff erwarten ließen. Er glaube nicht, dass Russland die NATO direkt angreifen wolle. Ein solcher Schritt würde für Moskau keinen Sinn ergeben.
Die Aussagen kommen vor dem Hintergrund wachsender Sorgen in Europa. Westliche Staaten warnen seit längerem vor russischen Aktionen unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges. Dazu gehören Cyberangriffe, Desinformation und andere Formen der Einflussnahme.
Solche Aktionen werden oft als hybride Angriffe bezeichnet. Sie können wichtige Einrichtungen und Behörden treffen. Sie können auch das Vertrauen der Bevölkerung schwächen. Einige westliche Vertreter sehen darin ein mögliches Risiko für die Sicherheit Europas.
Deutschland geht davon aus, dass Russland bis zum Ende dieses Jahrzehnts die Fähigkeit für einen Angriff auf ein NATO-Land erreichen könnte. Stubb hält solche Einschätzungen jedoch nicht für einen Beweis für einen geplanten Krieg.
Der finnische Präsident sagte, Europa müsse auf jedes Szenario vorbereitet sein. Gleichzeitig müsse man zwischen einer möglichen militärischen Fähigkeit und einer tatsächlichen Absicht unterscheiden. Er sehe derzeit keine Hinweise darauf, dass Russland einen Krieg mit der NATO beginnen wolle.
Stubb verwies dabei auf die militärische Stärke des Bündnisses. Die NATO verfügt über große konventionelle Streitkräfte. Dazu kommen moderne Raketen und Atomwaffen. Diese Fähigkeiten bilden eine starke Abschreckung gegen einen Angriff.
Nach Angaben Stubbs stützt sich seine Einschätzung auch auf Informationen aus dem Sicherheitsbereich. Er sagte, es mache für keine Regierung Sinn, die Entschlossenheit eines so starken Bündnisses zu testen.
Finnland kennt die russische Bedrohung aus eigener Erfahrung. Das Land grenzt direkt an Russland. Nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine änderte Helsinki seine Sicherheitspolitik grundlegend.
Finnland trat 2023 der NATO bei. Zuvor hatte das Land lange auf militärische Bündnisse verzichtet. Der Krieg in der Ukraine führte jedoch zu einer neuen Bewertung der nationalen Sicherheit.
Stubb sieht zugleich große Probleme für Russland im Krieg gegen die Ukraine. Nach seinen Angaben verliert die russische Armee jeden Monat etwa 30.000 bis 35.000 Soldaten. Gleichzeitig würden rund 27.000 neue Soldaten angeworben.
Damit könne Russland seine Verluste nach Stubbs Einschätzung nicht vollständig ausgleichen. Die Zahl der verfügbaren Soldaten werde dadurch zunehmend zu einem Problem.
Der Präsident glaubt zudem nicht, dass Russland schnell eine weitere große Front eröffnen könnte. Moskau müsse bereits große Kräfte in der Ukraine einsetzen. Ein zusätzlicher Krieg gegen die NATO würde daher enorme militärische Mittel verlangen.
Stubb warnte außerdem vor russischen Informationskampagnen. Russland versuche, in Europa Angst und Unsicherheit zu fördern. Die europäischen Staaten müssten deshalb besonnen handeln und sich nicht von solchen Botschaften bestimmen lassen.
Besonders wichtig sei dabei die weitere Unterstützung der Ukraine. Stubb sagte, die Ukraine befinde sich derzeit in einer besseren Lage als zu vielen früheren Zeitpunkten des Krieges.
Europa müsse deshalb seine Hilfe fortsetzen. Für Stubb ist die Sicherheit der Ukraine eng mit der Sicherheit Europas verbunden. Er bezeichnete die Ukraine als einen wichtigen Schutz gegen eine weitere Ausweitung der russischen Bedrohung.
Nach seiner Ansicht würde ein russischer Sieg in der Ukraine die Sicherheitslage in Europa deutlich verschlechtern. Deshalb dürfe die Unterstützung für Kiew nicht nachlassen.
Stubb setzt zugleich auf die Stärke der NATO. Die Geschlossenheit der Mitgliedstaaten sei entscheidend. Je klarer das Bündnis seine Verteidigungsbereitschaft zeige, desto geringer sei der Anreiz für Russland, einen direkten Konflikt zu beginnen.
Der finnische Präsident erwartet daher keinen russischen Angriff auf die NATO. Er betonte aber, dass Europa wachsam bleiben müsse. Abschreckung und Unterstützung der Ukraine seien aus seiner Sicht die wichtigsten Mittel, um einen größeren Krieg in Europa zu verhindern.

