Der “Nationalsozialistische Untergrund” (NSU) terrorisierte Deutschland von 2000 bis 2006, ermordete neun Menschen aus rassistischen Motiven und später auch eine Polizistin. Der traurige 20. Jahrestag des Mordes an Halit Yozgat am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel wirft erneut die drängende Frage auf: Was wusste der Verfassungsschutz? Gab es, wie spekuliert und auf Wikipedia erwähnt, möglicherweise einen Verfassungsschützer, der von einem der Morde Kenntnis hatte oder sogar half? Diese Ungewissheit belastet die Aufklärung und das Vertrauen in die Behörden bis heute.
Bertolt Hunger von der SPIEGEL-Dokumentation bestätigt, dass ein Verfassungsschutz-Mitarbeiter zur Tatzeit am Tatort in Kassel anwesend war. Diese Tatsache allein sorgte für große Irritationen. Bei dem Mann fand man im Elternhaus szenetypisches Material, darunter Waffen und eine Abschrift von Hitlers „Mein Kampf“, und Nachbarn nannten ihn in seiner Jugend „Kleiner Adolf“. Trotz dieser brisanten Details gibt es laut Hunger jedoch keinen Beweis dafür, dass dieser Mann jemals Kontakt zum NSU hatte oder gar kooperierte. Es fehlen jegliche Belege wie E-Mails, Fingerabdrücke auf NSU-Materialien, nachgewiesene Treffen oder Telefongespräche.
Hungers Recherchen legen nahe, dass der Verfassungsschützer aus einem gänzlich anderen, privaten Motiv am Tatort war: Er suchte auf Datingplattformen im Internetcafé nach Kontakten, ein Verhalten, das er trotz der Schwangerschaft seiner Frau öfter praktizierte. Hätte er tatsächlich als Mitwisser agiert, wäre sein Anwesenheit am Tatort ein hohes Risiko für die Aufdeckung des NSU gewesen und somit kaum zu erklären. Dieses Detail entlastet ihn zwar von direkter Mittäterschaft, wirft jedoch ein schlechtes Licht auf die Auswahl und Überprüfung von Personal beim Verfassungsschutz. Die entscheidende Kritik bleibt: Der Verfassungsschutz wusste von drei abgetauchten, gewaltbereiten Rassisten, brachte diese Informationen jedoch nicht mit der folgenden rassistischen Mordserie in Verbindung – ein schwerwiegendes Versagen des Systems.
Die Fehler lagen nicht allein beim Staat. Auch viele Journalisten, einschließlich Hunger selbst, übernahmen damals unkritisch die Thesen der Ermittler. Die aufwendigen Mordermittlungen führten jahrelang ins Leere. Der NSU flog letztlich nicht durch die Aufklärung der Morde, sondern durch eine parallel begangene Raubserie auf. Ein Polizist analysierte diese Raubzüge korrekt und kam der Terrorzelle so im Jahr 2011 auf die Spur, fünf Jahre nach dem Mord an Halit Yozgat. Auch 20 Jahre später, mit dem Gedenktag am 6. April 2026, bleiben viele Fragen zur Rolle des Verfassungsschutzes und zum Netzwerk des NSU unbeantwortet, was die Notwendigkeit weiterer Aufklärung unterstreicht.
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