Acht Jahre nach der brutalen Ermordung der Stadträtin Marielle Franco und ihres Fahrers Anderson Gomes beginnt in Brasilien der mit Spannung erwartete Prozess gegen die mutmaßlichen Drahtzieher. Vor einem fünfköpfigen Richtergremium des Obersten Gerichtshofs (STF) in Brasília werden seit heute die Anklagen gegen mehrere hochrangige Personen verhandelt. Angeklagt sind der ehemalige Kongressabgeordnete Chiquinho Brazão, sein Bruder Domingos Brazão, ein ehemaliges Mitglied eines Rechnungshofgremiums, deren Mitarbeiter Robson Calixto Fonseca, der ehemalige Polizeiermittler Rivaldo Barbosa und der ehemalige Polizist Ronald Paulo Alves Pereira. Alle Angeklagten weisen jede Beteiligung an dem abscheulichen Verbrechen vehement zurück. Dieser Prozess stellt einen entscheidenden Moment für die brasilianische Justiz und Demokratie dar, da er versucht, Licht in ein Verbrechen zu bringen, das das Land erschüttert hat.
Marielle Franco, eine prominente schwarze und bisexuelle Politikerin der PSOL, war bekannt für ihren unermüdlichen Einsatz für die Rechte marginalisierter Gruppen und ihren Kampf gegen Polizeigewalt in den Favelas von Rio de Janeiro. Im März 2018 wurde sie im Alter von 38 Jahren bei einem gezielten Schusswaffenangriff aus einem vorbeifahrenden Auto getötet, der weltweit für Entsetzen sorgte. Ihr gewaltsamer Tod machte sie zu einem Symbol des Widerstands gegen Gewalt, Rassismus und Machtmissbrauch. Die unmittelbaren Täter, die ehemaligen Polizisten Ronnie Lessa und Élcio Queiroz, wurden bereits im Oktober 2024 zu langen Haftstrafen von 78 bzw. 59 Jahren verurteilt. Ihre Aussagen im Rahmen von Kronzeugenregelungen bilden nun die maßgebliche Grundlage für die Anklage gegen die mutmaßlichen Hintermänner.
Im Zentrum der aktuellen Anklage stehen die Brüder Brazão, die 2024 festgenommen wurden. Die Ermittler sehen klare Hinweise auf deren Verbindungen zu paramilitärischen Gruppen, sogenannten Milizen, die in weiten Teilen Rios erheblichen Einfluss ausüben und immer wieder mit schwersten Gewaltverbrechen in Verbindung gebracht werden. Ein entscheidendes Motiv für den Mord soll laut dem damaligen Justizminister Ricardo Lewandowski ein von Franco eingebrachtes Gesetzesvorhaben zur Regulierung von Flächen für sozialen Wohnungsbau gewesen sein, das Chiquinho Brazão offenbar massiv verärgerte. Die Staatsanwaltschaft, vertreten durch den stellvertretenden Generalstaatsanwalt Hindenburgo Chateaubriand, forderte zum Auftakt des Verfahrens Schuldsprüche für alle fünf Angeklagten, während die Verteidigung die Glaubwürdigkeit der Kronzeugenaussagen als fragwürdig bezeichnete.
Das Verfahren, das in einer ohnehin politisch angespannten Phase für das Oberste Gericht Brasiliens stattfindet, hat erneut internationale Aufmerksamkeit erregt. UN-Experten in Genf forderten erst kürzlich Gerechtigkeit für die Opfer von Rassismus und struktureller Gewalt in Brasilien und hoben die Bedeutung dieses Falls hervor. Francos Schwester, Anielle Franco, die heutige Gleichstellungsministerin Brasiliens, bezeichnete den Prozess als einen “entscheidenden Moment für die brasilianische Demokratie”. Sie betonte, der Mord habe ein tief verwurzeltes Muster aus Gewalt, Rassismus und Frauenfeindlichkeit offengelegt. Die Familie und Unterstützer bekräftigen ihren unerschütterlichen Kampf für Gerechtigkeit und volle Aufklärung dieses schockierenden Verbrechens, dessen Urteil zwischen Dienstagabend und Mittwochmorgen erwartet wird.
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