Der CDU-Parteitag in Stuttgart hat auf Antrag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung beschlossen. Diese Entscheidung, die von Kanzler Friedrich Merz selbst auf die Agenda gesetzt und von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken zur Überprüfung angekündigt wurde, reiht sich in eine breitere Debatte über den Krankenstand in Deutschland ein. Kritiker des aktuellen Verfahrens, das während der Pandemie eingeführt und später verstetigt wurde, sehen darin eine zu niedrige Hürde für Arbeitsunfähigkeit.
Bislang ermöglichte die Regelung Patienten, die in einer Praxis bekannt sind und leichte Symptome aufweisen, eine Krankschreibung für maximal fünf Kalendertage per Telefon zu erhalten. Eine Folgebescheinigung erforderte stets einen persönlichen Arztbesuch. Die Befürworter der Abschaffung argumentieren, dass eine geringere Schwelle zur Krankmeldung zu einer “Bettkantenentscheidung” führe, bei der die Entscheidung zugunsten der Krankmeldung fällt, je einfacher eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu erlangen ist.
Der Artikel hinterfragt jedoch diese Plausibilitätsannahme und verweist auf die Vielschichtigkeit der tatsächlichen Ursachen des gestiegenen Krankenstands. Ein wesentlicher Faktor ist die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU), die seit 2023 flächendeckend eingesetzt wird und Krankschreibungen digital erfasst, wo sie zuvor oft unter der Statistik verschwanden. Auch epidemiologische Faktoren wie nachlaufende Infektionswellen, eine alternde Belegschaft und die Zunahme psychischer Erkrankungen tragen zum Anstieg bei, ebenso wie das Phänomen des Präsentismus, bei dem kranke Mitarbeiter aus Angst vor Hürden am Arbeitsplatz erscheinen.
Eine Rückkehr zum verpflichtenden Praxisbesuch hätte erhebliche Folgen für das ambulante Versorgungssystem. Hausarztpraxen, die vielerorts bereits an der Kapazitätsgrenze arbeiten, müssten wieder Bagatellfälle versorgen, was die Zeit für chronisch Kranke reduziert. Dies würde nicht den Krankenstand senken, sondern das Problem lediglich verlagern und das Wartezimmer erneut zum Infektionsherd machen. Der Vorstoß ignoriert strukturelle Belastungsgrenzen und demografische Realitäten, die den statistischen Anstieg der Krankmeldungen maßgeblich beeinflussen. Eine ergebnisoffene Auswertung vorhandener Daten vor einer finalen Entscheidung wird als unerlässlich erachtet.

