Eine aktuelle Umfrage unter 1409 US-Amerikanern offenbart ein überraschend weitverbreitetes Phänomen: Etwa ein Drittel der Befragten glaubt, noch zu Lebzeiten das Ende der Welt zu erleben. Diese alarmierende Erkenntnis unterstreicht, wie tief die Angst vor der Apokalypse in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt ist. Ob durch Klimakatastrophen, einen drohenden Atomkrieg oder die nächste verheerende Pandemie – die Gründe für diese Überzeugung sind vielfältig und spiegeln eine tief sitzende Besorgnis wider. Die repräsentative Stichprobe hinsichtlich Alter, Geschlecht und Haushaltseinkommen verleiht den Ergebnissen Gewicht und bestätigt frühere Studien. Der Glaube an den Weltuntergang ist demnach keine Randerscheinung, sondern ein maßgeblicher Faktor, der beeinflusst, wie US-Bürger die globalen Bedrohungen interpretieren und darauf reagieren.
Hauptautor der Studie, Psychologe Matthew Billet, der als Doktorand an der University of British Columbia forschte und nun an der University of California tätig ist, betont die Relevanz dieser Ergebnisse. Seine Arbeit, veröffentlicht im renommierten »Journal of Personality and Social Psychology«, untersuchte US-Amerikaner aus verschiedenen religiösen Gruppen, darunter Katholiken, Protestanten, Evangelikale, Juden, Muslime und Atheisten. Die Forschenden stellten fest, dass die Vorstellungen von einer Apokalypse äußerst divers sind. Diese Erkenntnisse sind entscheidend, um die Komplexität apokalyptischen Denkens zu verstehen und seine Auswirkungen auf gesellschaftliche Reaktionen zu analysieren.
Billet und sein Team identifizierten fünf zentrale Dimensionen, die die Weltuntergangsvorstellungen der Befragten prägen: Geht die Ursache von Menschen aus oder von göttlichen/übernatürlichen Kräften? Welchen persönlichen Einfluss glauben die Menschen zu haben? Und erwarten sie ein gutes oder schlechtes Ende? Diese unterschiedlichen Perspektiven führen zu stark variierenden Reaktionen auf gesellschaftliche Probleme. Beispielsweise reagiert jemand, der den Menschen für die Apokalypse durch den Klimawandel verantwortlich macht, ganz anders auf Umweltpolitik als jemand, der das Ende der Welt als göttliche Bestimmung ansieht. Gläubige an ein menschengemachtes, nahes Ende befürworteten oft drastischere Präventivmaßnahmen, während jene, die eine göttlich herbeigeführte Apokalypse erwarteten, seltener vorbeugende Maßnahmen unterstützten.
Für die Politik ergeben sich daraus wichtige Implikationen. Insbesondere bei globalen Herausforderungen wie Pandemien oder dem Klimawandel, die eine internationale Zusammenarbeit über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg erfordern, können divergierende apokalyptische Überzeugungen eine solche Kooperation erschweren. Billet rät daher, apokalyptisches Denken nicht als irrational abzutun, sondern dessen Existenz anzuerkennen. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt einer bestimmten Endzeit-Erzählung hat sie doch tiefgreifende Auswirkungen darauf, wie Bevölkerungen mit konkreten Risiken umgehen und welche Maßnahmen sie zu deren Abwendung bereit sind zu ergreifen. Diese Akzeptanz ist der erste Schritt zu effektiverer Risikokommunikation und -management.

